Jahresbericht des DEHOGA Westerland von 1962

Dieser hier veröffentlichte Jahresbericht zeigt ein anschauliches Bild der Fremdenverkehrssituation in Westerland, bevor der große "Bau-Boom" der Sechziger Jahre richtig "los" ging.


Fremdenverkehr 1962 (Referat Dr. Ernst Feikes vom Januar 1963)
Die Ergebnisse der Fremdenverkehrsstatistik des Staitischen Landesamtes S.-H. liegen nunmehr vor. Hieraus ergibt sich die Feststellung, daß zum ersten Mal nach dem Kriege für Schleswig-Holstein keine Zuwachsrate mehr bei den Übernachtungen festgestellt werden konnte und mit 4 % hinter dem Übernachtungsergebnis 1961 zurückblieb. Das ist besonders bemerkenswert, wenn man gleichzeitig feststellen muß, daß fürs Bundesgebiet errechnet immerhin noch eine Zuwachsrate von +3,6 % gegeben war. Betrachtet man die Einzelergebnisse der Nordseebäder, so stellt man bei Büsum 18,5 % und bei Westerland 12,6 % Übernachtungsrückgang gegenüber dem Vorjahr fest. Die gesamte Nordsee weist einen Rückgang von 5 % auf, die Ostsee nur von 3,7 %. Von den einzelnen Ferienbezirken der Nordsee muß sich nach Büsum die Insel Sylt mit einer Übernachtungsminderung von 7 % abfinden; es folgt die Insel Föhr mit 6 %. Die Inseln Amrum und Pellworm haben den Vorjahresstand gehalten und St. Peter-Ording hat sogar eine Zunahme von 1 % zu verzeichnen.

Man soll diese Zahlen keineswegs überbewerten. Sie machen aber deutlich, daß die Sturmflutkatastrophe und die Sonnenarmut 1962 sich allgemein und in Büsum, wo man bis in die Saison hinein störende Deichbauarbeiten vornehmen mußte, ganz besonders negativ bemerkbar gemacht hat.

Das Saisonjahr 1962 zeigt deutlich, wo wir stehen, zeigt die Abhängigkeiten auf, denen wir mit unseren Betrieben ausgeliefert sind: die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung und die Einkommenshöhe des uns besuchenden Reisepublikums.

Die Mehrschichtigkeit der Fremdenheime einerseits steht der Mehrschichtigkeit der Nachfrage gegenüber:

Hohe Ansprüche,
mittlere Ansprüche,
einfache Ansprüche.

Sie entspricht der Einkommenstruktur der Nachfrage im wesentlichen, aber auch der saisonalen Schichtung.

Trotz Überwindung des Konjunkturzyklus ist ein Branchenzyklus vorhanden !

1) EWG und sinkende Ausfuhr (Export) rufen Veränderungen hervor.

Die Zuwachsrate ist zwar zurückgegangen, es ist aber immer noch eine Zuwachsrate da!

2) Außerdem: Abhängigkeit vom Reisetrend !

Erholungs- und Kurbedarf sowie Erlebnis- und Reisebedarf als Selbstzweck ringen miteinander.

Die Frage ist, ob wir in Schleswig-Holstein mit der Sonne des Südens standhalten können. Daher bei uns:

Ausrichtung auf Erholungs- und Kurbedarf. Nutzung der natürlichen Gegebenheiten. Dienst an der Volksgesundheit! Wachsende Industrialisierung und Menschenballung weist diesen Weg!

Öffentliche Förderung entsprechender Kuranlagen!

Weiter beeinflussende Faktoren sind: Wettbewerb, Verkehrsmöglichkeit, Werbung und Ferienordnung!

Weitere Abhängigkeiten der zukünftigen Entwicklung des Beherbergungsgewerbes:

3) Abhängigkeit von der Privatbeherbergung in ihren verschiedenen Erscheinungsformen und deren Entwicklungen:

a) sozialer Wohnungsbau
b) Zweitwohnung im Kurort als 1.) Einfamilienhaus und 2.) Eigentumswohnung
c) Bundeswehr-Wohnungsbau

Oft handelt es sich um "Füllgewerbe" zur Nutzung einer Vermögensanlage oder einer Ausweichwohnung!

4) Abhängigkeit vom Arbeitskräftepotential:

a) für kleine Fremdenheime ohne familienfremde Arbeitskräfte günstige Prognose!

b) Fremdenheime mit Arbeitskräften:
Frage aa) Bekomme ich überhaupt Arbeitskräfte? Es besteht der Zwang zur Rationalisierung. Einegewisse Verlagerung geschieht durch den Wettbewerb.
Frage bb) Steigende Lohnkosten und Lohnnebenkosten:
Eine Senkung der Nominallöhne ist niemals zu erwarten! Das günstigste, was erreichbar erscheint, ist ein effektiver Lohnstopp.
Wenn aber keine Senkung der Löhne, dann auch keine Senkung der Preise.
Wenn aber keine Senkung der Preise, dann steigt die Differentialrente der Privatbeherbergung, der Sonderverdienst der Privatbeherbergung, die keine Arbeitskräfte hat.

Und damit steigt aber auch der Anreiz zur Privatbeherbergung und zur Vermehrung dieser Betriebsart.
Die Wettbewerbslage wird immer unsicherer!

Der Schaden für den örtlichen Fremdenverkehr ist unverkennbar; denn das gepflegte Fremdenheim ist in unseren Bädern und Kurorten ein unentbehrlicher Fremdenverkehrsträger geworden.

Ein Verzicht aufs Fremdenheim kann daher niemals ohne Rückwirkungen auf den Fremdenverkehr überhaupt bleiben!

Was hat zu geschehen?

1.) Befreiung von der Umsatzsteuer - die bisherigen Grenzen sind unzureichend. Die entsprechende Befreiung des Beherbergungsgewerbes ist im Interesse des Wettbewerbs notwendig.

2.) Zum Ausgleich der öffentlichen Finanzierung der Privatbeherbergung über die öffentliche Förderung des Wohnungsbaus: Bereitstellung von zinsfreien Investitionsmitteln zur Erneuerung und Modernisierung der Fremdenheime. Kredite für 5 und 10 Jahre sind unzureichend. Auch mit Zinsverbilligungen von 1-3 Jahren ist nichts Durchgreifendes zu erreichen.
Allenfalls:
Erstattung der jährlichen Lastenausgleichsabgaben zur Verzinsung von baulichen Erneuerungsinvestitionen.

Die heutige Zeit ist gekennzeichnet von Umverteilungsmaßnahmen des Staates!


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